Ein Nachmittag mit Uwe Gaasch

Er ist wohl einer der bekanntesten und gefragtesten Architekturfotografen in Deutschland und Europa und doch steckt noch weit mehr hinter ihm, als ein genialer Bildkünstler: Uwe Gaasch erhält der Welt mit seiner Kunst wertvolle Erinnerungen in Architektur und Kunstgeschichte und hilft gleichzeitig Restauratoren auf die Sprünge. 

Bamberg – Es ist ein unscheinbarer Hinterhof, auf welchen ich Sonntagnachmittag einbiege. Ein restauriertes, sichtlich aber historisches Gebäude steht an der Straßenfront, dahinter einige Parkplätze, das dicht bewachsene Eingangstor zu einem Garten und gleich geradeaus – eine Tür in der Wand. Daneben hängt ein kleines Schild mit der geschwungenen Aufschrift „Uwe Gaasch – Architekturfotografie, Dokumentationen„. Und als ich an der Tür klingele beginnt mein Nachmittag mit einem der interessantesten Menschen, die ich in den vergangenen Monaten kennen gelernt habe.

Französische Mütze, aber nicht wirklich französisch

Als ich Uwe Gaasch das erste Mal an diesem Sonntag sehe, öffnet er die Tür zu seinem Studio und grüßt mich ohne Umschweife mit Namen. Auf dem Kopf trägt er eine Hutgewandung, die recht französisch anmutet. Wer dahinter möglicherweise den Charakterzug eines recht eingebildeten Pariser Großstadtflaneurs vermutet, der liegt allerdings falsch. Kaum habe ich das Studio betreten, da beginnen wir uns auch schon zu unterhalten. Dass es so unordentlich bei ihm wirke, täte ihm leid, sagt er als erstes und erzählt von der alten Struktur seines Studios. Das sei aber noch viel schlimmer gewesen, als er es vorher übernommen hatte. Von einem Plattenlabel, sagt er, und grinst. Uwe Gaasch ist nämlich nicht nur Fotograf, sondern auch Sänger verschiedender Bands wie unter anderem dem ruhmvollen Ensemble Revolver.

So richtig unordentlich empfinde ich es bei ihm gar nicht. Es ist eine Arbeitsumgebung. Sichtlich die eines Fotografen. Stative sind an die Wand gelehnt, Bilder hängen hier und da. Eines zeigt Uwe Gaasch als jungen Mann mit langer Mähne. Ungewohnt irgendwie, denn heute trägt er … Mützen. In einem Regal an der Wand stehen Dutzende Koffer mit Aufschriften von Kameratypen, dazu Blitzlichtgeneratoren und was man sich sonst noch alles vorstellen kann. Gaasch ist ein Arbeitstier. Das jedenfalls berichtet seine Ausrüstung.

Ich mache manchmal Making-Ofs. Es ist ganz gut, wenn die Auftraggeber mal sehen, was für ein Aufwand hinter so einer Architekturdokumentation steht. Nichtsdestoweniger macht mir das riesigen Spaß. Ich mag meine Arbeit.

Auf dem Schreibtisch stehen zwei Monitore. Reichlich kostenintensiv, wie Uwe Gaasch freimütig zugibt. Aber dafür eben farblich sauber kalibriert. Und für seine Arbeit ist das unerlässlich.

Von guter Software bis alte Hardware

Völlig begeistert sitzt Gaasch an seinem Rechner und zeigt mir eine neue Fotobearbeitungssoftware.Von toller Rauschreduktion und der Korrektur stürzender Linien ist die Rede. Dabei ahnt man noch gar nicht, dass hinter dem kleinen Zimmer mit den Stativen, Kameras und Computern eine ganz andere, für den Ottonormalfotografen von heute fast schon vergessene Welt liegt. Dann irgendwann hört der Fotograf und Musiker kurz auf zu reden. „Ich bin heute morgen erst um halb fünf nach Hause gekommen. Früher kein Problem, heute merke ich’s schon, entschuldige“. Dabei spricht er nicht von einer besonders aufwändigen Fotoproduktion, sondern von einem ganz anderen Leben, dass er auch noch lebt. Das Leben auf der Bühne. Mit Mikrofon.  „Heute fängt man ja erst um zehn mit sowas an. Und dann spielt man so zwei, drei Sets.“ Bis tief in die Nacht.

Analog in einer digitalen Welt

Im Profibereich wird das immer noch gemacht. Die Qualität ist einfach viel besser.

Gaasch arbeitet auch sonntags. Und so auch an diesem Sonntag, als ich bei ihm bin und er mir seine Welt erklärt. Und ein guter Teil davon, zeigt sich nach der Softwarevorführung. Der Mann mit der französisch wirkenden Mütze ist gelernter Fotograf. Und als er es lernte, war die Welt noch weit von der SD-Karte entfernt. Er führt mich um eine Ecke, weiter hinein in die Räume seines Studios. Hinter dem Computerraum und Lager öffnet sich ein größeres Zimmer. An der rechten Wand ein Holzregal voller Bücher. Hier und da eine Fotografie, die die Arbeit des Architekturfotografen zeigt. Keine Kameras, keine Stative, nur eine Blitzkonstruktion hängt irgendwo, fast einsam in einer Ecke. Auf einem Tisch an der anderen Wand liegen Bücher, Mappen mit Negativen und andere Dinge. Durch das Zimmer spannt sich eine Leine mit Wäscheklammern.

Von hier aus geht es in die Dunkelkammer. Und schon entsteht für einen Digitalfotografen ein gefühlt mittelalterliches Bild: Die 60er Jahre scheinen hier zurückgekehrt zu sein. Alte Belichtungsapparate, Wässerungs- und Entwicklungsanlagen und ein Trockenapparat. Nie gesehen. Die analoge Welt endete bei mir seit jeher an der Fotoentwicklungstheke im DM mit dem Einwurf einer in einen Umschlag verpackten Einmalkamera. Aber hier wird das, was man in meinem Alter unter „Geschichte der Fotografie“ verbuchen würde, zum Leben erweckt. Und so trennt sich auch ganz klar die Welt der Profis von der Welt der Amateure.

Ich fotografiere zu neunzig Prozent digital.

Eben „nur“ neunzig Prozent. Behände und mit einer unglaublichen Geschicklichkeit bereitet Gaasch die Entwicklung analoger Filme vor. Große Kassetten, die an die Kameraeinsätze der Wildwestzeit erinnern, enthalten mit viel künstlerischem Sachverstand entstandene Fotografien. Er schaltet das Licht aus. Es ist stockfinster. Und im Dunkeln öffnet er die Kassetten und bringt die Filme auf die Entwicklungsspule und in einen großen Bewässerungsbehälter. „Wenn man das lange genug gemacht hat, geht das ganz schnell, auch ohne dabei etwas sehen zu müssen.“

Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Filme sind im Entwicklungsbehälter und der Fotograf beginnt mit der chemischen Entwicklung. Laut quietscht die Apparatur, die den Behälter hin- und herbewegt, damit sich die Flüssigkeit im Innern gleichmäßig verteilt. „Es gibt irgendein spezielles Öl. Das würde gegen das Quietschen helfen. Aber so höre ich wenigstens auch vorne noch, ob alles läuft.“

Als Gaasch fertig ist, hängt er die Negative nach kurzer Prüfung auf die Leine im größeren Vorraum. Ich empfinde das als beeindruckend. Für mich heißt Fotoentwicklung Maus und Tastatur. Für einen Profi wie ihn das eine ums andere Mal auch genaues Hinsehen und echte Handarbeit.

Die Nachwelt zählt

Das beste Bild ist oft das, welches am wenigsten bearbeitet werden muss.

Uwe Gaasch arbeitet bei der Architekturdokumentation am liebsten mit natürlichem Licht und möglichst wenig künstlicher Beleuchtung. Klar, man hilft ein wenig nach. Aber möglichst nur mit Reflektoren. Es soll „echt“ bleiben. Und seine Bilder sprechen von der Kunstfertigkeit, mit welcher er diese Ansicht umsetzt. Großartige Details, klasse Beleuchtung und – wenn der Kunde es wünscht – „echte“ Stimmung. Mit seinen Bildern arbeiten Restauratoren auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hält Gaasch die Architektur verschiedener Epochen auf hochqualitativen Bildern fest. Für die Nachwelt.

Wenn morgen die Welt zusammenbricht, findet vielleicht übermorgen jemand die Bilder. Vielleicht auf Mikrofish, vielleicht die Negative. Aber es ist nicht verloren. Festplatten gehen schneller mal kaputt. Digitale Daten sind flüchtiger.

Vorbild und Inspiration

Und so geht ein Nachmittag zu Ende. Nachdem wir weiterhin viel über Musik und Fotografie gesprochen haben. Und vom Leben. Soviel Erfahrung, von der man nur profitieren kann. Gaasch zeigt mir noch seine Kameras. Mittel- und Großbildkameras wie man sie heute wohl nur noch selten sieht. Sogar eine Anfertigung eigens für ihn ist dabei. Und inzwischen weiß ich auch, was „Shift-Objektive“ sind. Die Gespräche mit ihm, der ganze Nachmittag waren inspirierend. Und schon reizt es mich wieder zur Kamera zu greifen, mir ein Thema zu überlegen und zu fotografieren. Vielleicht aber auch mal ganz spontan. Dafür mit Ruhe und dem Wunsch gute Bilder zu gestalten. Gaasch lacht, als ich immer mal wieder nebenbei ein paar Bilder schieße. Von seinem Studio, von seinen Kameras und von ihm. Er kann von sovielen interessanten Orten berichten. Und alles mit Bildern festgehalten. Und so schreibt er mir in seiner E-Mail, als ich ihm eine kleine Auswahl der Bilder des Nachmittages schicke:

Daß man mein Labor incl. meiner Kopfbedeckung etc. auch so sehen kann, is‘ auch für mich neu.

Danke, Uwe. Ich freue mich aufs nächste Mal.

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