Verleger 2.0? – Teil I

Die Realität ist häufig in vielerlei Hinsicht eine Spielverderberin. Deshalb ist es manchmal heilsam und schön, die Realität einfach zu verdrängen, um seinen Ideen freien Lauf zu lassen. Wer will schon etwas von den komplexen Mechanismen wirtschaftlicher Zusammenhänge, dem sozialen Gefüge mit festem Sozialisierungsmuster, den Blockierern in einem Change-Prozess und den Spezifikas der Kundendenke hören, wenn man sich einfach nur überlegen möchte, was man tun würde, wenn man in der Zukunft eine Zeitung gründen wollte.

Deshalb lasst uns mal für einige Minuten die Realität abschalten. Lehnt Euch zurück. Entspannt Euch. Atmet ruhig und vergesst die Zwänge dieser Welt für einige Augenblicke. Aber schließt die Augen nicht, sonst tippe ich mir hier umsonst einen Wolf.

Ein paar weitere Anmerkungen zuvörderst: Ich habe mir natürlich im Vorfeld ein paar Gedanken gemacht. Ein bisschen recherchiert, aber auch fantasiert. Ich bin ja kein Journalist und deshalb darf ich letzteres auch ohne tiefbegründete Recherche betreiben und Kommentar darüber schreiben zu müssen 🙂 Ich werde diese Ideen aber „häppchenweise“ hier unterbringen. Von grundsätzlichen Annahmen, über Plattform, Werbeformen, Begleiterscheinungen etc. will ich in einer Art Serie über meine Gedanken zu diesem Thema schreiben. An geeigneten Stellen füge ich meinen Gedanken ein paar Zahlen, Daten und Fakten aus Studien und Internetquellen hinzu, die ich freilich hier verlinken werde. Über Kommentare und ein paar „Follower“ freue ich mich wie stets.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Nehmen wir also einfach mal an, eine Zeitung zu gründen und zu betreiben, wäre nicht so kompliziert. Was würde ich also tun, wenn ich mir irgendwann zukünftig überlege, mich als Verleger einer Zeitung selbstständig zu machen? Ich würde erst einmal einen Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werfen, wie wir sie heute schon vorfinden. Und die sehen ungefähr so aus:

Der Alltag der Menschen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zusehens gewandelt. Durch die Entwicklung modernster Kommunikationstechnologien, wie etwa des Telefons oder des Faxgerätes, vorher des Telegraphen und später des Internets, scheint sich die Erde viel schneller zu drehen, als dies vorher der Fall war. Der Arbeitsalltag hat an Aufgaben- und Abarbeitungsfülle deutlich zugenommen. Auf der anderen Seite hat das Zeitbudget für Dinge des privaten Alltages abgenommen oder aber es wird zumindest in Teilen erschlagen von der Ohnmacht mancher Arbeitnehmer gegenüber dem alltäglichen Arbeitswahn. Und den Bergen von E-Mails (Anm. d. A.: Man kann Outlook und Co. allerdings auch schließen. Hab ich mir zumindest sagen lassen, dass das geht. Hab aber selbst noch nicht rausgefunden wie. Verdammt, schon wieder ’ne E-Mail. Bin gleich wieder da.)

So. Also: Ganze Gewohnheiten haben sich über Generationen verändert. Das betrifft zum Beispiel das Informationsverhalten. Informationen, konkret als Sachobjekt betrachtet, werden heute im Grunde weder in der Zeitung noch in Bibliotheken gesucht (es sei denn man ist anständiger Student). Die jüngeren Generationen, aber inzwischen auch Teile älterer Generationen stillen ihren Wissensdurst über das Internet.

Die Zeitung als journalistische Plattform gilt immer noch als seriös und glaubwürdig (siehe ARD/ZDF Massenkommunikation 2010), sie bedient aber vor allem bestimmte „Informationssparten“ mit begrenztem Aktualitätsspektrum. Aktuell heißt heute übrigens immer noch nicht ’nur das Geschehen des heutigen Tages‘. Man sagt ja immer Radio, TV und Internet seien viel aktueller als die Zeitung. Und faktisch ist das richtig. Die Zeitung aber betreut ebenfalls ‚aktuelle‘ Themen, die allerdings nicht unbedingt Eintagsfliegen sind, sondern deren Wirkung eine geraume Weile über ihren Entstehungszeitpunkt hinaus reichen (Wulff zum Beispiel. Oder zu Guttenberg. Oder die Costa Concordia. Oder die Konversion. Oder oder oder … ).

Das Problem mit der Zeit

So gesehen kenne ich eigentlich kaum jemanden, der sich ausschließlich ‚total tagesaktuell‘ informieren möchte. Dafür hat man nämlich im Zweifel auch gar keine Zeit. Aber ich bin auch nicht repräsentativ, sondern Vertreter eines bestimmten Bildungs- und Berufsmilieus. Das darf man natürlich nicht vergessen.

Zeit ist also schon mal eine wesentliche und wichtige Betrachtungskomponente für mich, wenn ich eine neue Zeitung gründen will. Heute liest die zeitungsaffine Gruppe der vielleicht 50plus-Generation ihre Zeitung noch morgens am Frühstückstisch. Wenn ich mich so in meiner Altersgruppe, also den Dreißigern, aber auch in der Altersgruppe der Vierziger umsehe, ist das nicht mehr so. Dafür ist nämlich – ihr werdet es erraten haben – keine Zeit. Schnell gefrühstückt, schnell mal Radio gehört, schnell mal auf die Arbeit gefahren. Und früher aufstehen tut auch nicht wirklich jemand, um morgens noch seine Zeitung zu lesen. Eher geht man abends später ins Bett. Denn man braucht ja noch Zeit für sich, die Familie und so weiter, wenn man abends irgendwann nach Hause kommt.

Auf jeden Fall wird dieses morgendliche Ritual, welches immer für einen Werbezweck gut war, vergehen. Der Zeitungskonsum hat sich verlagert. Vielleicht in die Mittagspause. Vielleicht auch in den Abend. Vielleicht in die U-Bahn oder ins Flugzeug, vielleicht ins Hotel, vielleicht in die Schichtpause und vielleicht wird einfach am Tag auch gar keine Zeitung mehr gelesen, weil man dafür ja nur am Wochenende genügend Zeit findet. Gut, dass es Wochenend-Abos gibt.

Tagezeitung für kommende Generationen noch zeitgemäß?

Es bleibt deshalb auch die Frage, wie zeitgemäß eine Tageszeitung in der Zukunft noch sein wird. Ich habe dazu keine genaueren Infos parat und kann deshalb nur spekulieren. In der vergangenen ARD/ZDF-Studie kann man nachvollziehen, dass sich die Lesedauer der Tageszeitung gegenüber 1964 von rund 30 Minunten pro Tag auf 23 Minuten verändert hat. Das Intenet, welches erstmals im Jahr 2000 erfasst wurde, hat in einem Zeitraum von zehn Jahren einen Run hingelegt: Von zwischen 10 und 12 Minuten pro Tag, waren es 2010 83 Minuten pro Tag. Ist schon ein Knaller.

Ohne ketzerisch sein zu wollen, darf man dann sicher auch die Frage stellen, wieviele Menschen in den nachwachsenden Generationen sich künftig tatsächlich intensiver unter der Woche mit tagesaktuellen Themen befassen wollen. Etwas weniger verklausuliert: Wieviel Tiefe und Text darf es denn täglich sein? Mit Blick auf die veränderten Lebensgewohnheiten möchte ich einfach mal ganz provokant formulieren, dass einigen Menschen aus meiner Generation vermutlich ein paar Blicke im Internet sowie ein bisschen Radio und TV unter der Woche genügen und man längere Informationen dann zu sich nimmt, wenn a) ein Thema wirklich persönlich als spannend und interessant empfunden wird und b) Zeit zum Lesen ist.

Das ist natürlich alles recht subjektiv, aber ich beobachte diese Tendenz in meinem Altersumfeld immer wieder.

Gründungsthese I

Ich komme deshalb zu dem Schluss, dass ich eine Zeitung begründen würde, die eben nicht mehr jeden Tag erscheint. Ich würde eine Wochenzeitung herausbringen.

Aber es wäre ja langweilig, wenn es sich dabei „nur“ um eine „schnöde“ Wochenzeitung handeln würde. In meinen Manusskriptnotizen steht noch eine ganze Menge mehr. In der nächsten Episode zu diesem Thema möchte ich mich mit der Plattform für eine Zeitung auseinandersetzen. Dazu gab es ja an dieser Stelle schon einen kleinen Beitrag von mir. Ich werde das Ganze um ein paar Zahlen, Daten und Fakten ergänzen und für meine „neue hypotetische“ Zeitung einen weiteren Gründungsparameter beifügen. Achso: Ich möchte auch begründen, warum ich mir eine Lokal-Wochenzeitung gut vorstellen kann. Wer mag, darf also gespannt bleiben.

6 Kommentare zu „Verleger 2.0? – Teil I“

  1. Die lokale Wochenzeitung (oder an zwei Tagen pro Woche erscheinende Lokalzeítung) ist z.B. in der Schweiz bereits Realität. Sie funktioniert auch wirtschaftlich. Letztlich kommt es nicht auf die Erscheinensfrequenz an, sondern auf die journalistische Qualität. Die klassische Tageszeitung erreicht nicht deshalb das jüngere Publikum nicht mehr, weil sie täglich erscheint – gerade die heutige Jugend nutzt mehr seriöse Medieninhalte als jemals eine Generation zuvor, auf Papier wie auch besonders im Internet. Nein: Die klassische Tageszeitung hat aus vielerlei bekannten Gründen zu wenig Relevanz für dieses jüngere Publikum. Würde sie Leselust und Interesse hinreichend anregen, würde dieses Publikum die Zeit und das Geld investieren.

    Gleichwohl ist es zuviel der Kritik, wenn man die 23 Minuten, die eine Zeitung im Durchschnitt täglich von jedem ihrer Leser bekommt, mit den Minuten vergleicht, die das Internet insgesamt durchschnittlich täglich von seinen Usern genutzt wird. Der Fairness halber müsste man die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer von Papier (also auch von, sagen wir, Küchenkrepp und Schulheften) insgesamt mit der des Internets vergleichen – oder die 23 Minuten der Zeitung mit den 2:30 Minuten, die ein Nachrichtenwebsite durchschnittlich von jedem seiner Leser täglich genutzt wird. Die Nutzungs-Intensität und die Art des Lesens von journalistischen Inhalten hier und da lassen sich schlecht vergleichen.

  2. Sehr interessanter Beitrag. Ich sehe eh den FT in 10-15 Jahres als Wochenzeitung mit Themen aus der Region hervorragend aufbereitet. Für den täglichen Nachrichtenkonsum werden die Online-Medien (in welcher Form auch immer) dominieren.

  3. Da hat ‚Joachim‘ natürlich völlig recht. Die Vergleiche hinken sicher ein wenig, aber dennoch würde ich behaupten, nicht vollständig. Und was die Qualität anbelangt, findet man in mir diesbezüglich freilich einen großen Fan. Auch das wird noch ein Punkt in der Serie sein 🙂

  4. Sehr schöne Idee, Martin! Hab heute einen Beitrag von David Gelernter zur „Würde des Wortes“ (Informatiker!) im Tagesspiegel gefunden, der in die gleiche Kerbe schlägt: http://www.tagesspiegel.de/kultur/kampf-zwischen-alten-und-neuen-medien-die-pfade-vor-kunst-und-technologie-haben-sich-vor-laengerer-zeit-gedraengt/6256772-3.html.

    Bin jetzt übrigens an der Uni Erlangen am Lehrstuhl für Buchwissenschaft gelandet und werde mich in meiner Diss mit dem Thema „Weg vom produktorientierten Denken hin zu kunden-/rezeptionsspezifischen Bedürfnissen“ (bei Verlagen) beschäftigen. Vielleicht geht ja mal ein „Brainstorming“, Bamberg ist ja nur einen Steinwurf entfernt 😉 Würd mich freuen! 🙂

  5. Super Idee, André! Facebooke mich einfach an. Ich würde mich freuen, dich zu treffen und Erlangen ist ja nun wirklich nicht mehr als einen Steinwurf weit entfernt! Auf ein schönes Bier bei guten Gesprächen. Wäre Klasse!

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