Newsies – Der böse Pulitzer und die Zeitungsjungen

Newsies – Der böse Pulitzer und die Zeitungsjungen

Habt ihr in der Schule damals auch einmal mit Eurer Klasse ein Musical besucht? Der Gedanke unbedingt einmal eines auf dem Broadway zu sehen entsprang  eben dieser Zeit, als ich begann zu begreifen, dass der Broadway eine Straße in einer Stadt namens New York war und hier die berühmtesten Musicals, die man teilweise auch in Deutschland sehen konnten, ihren Ursprung hatten. Banal, nicht wahr?

Obwohl ich später immer wieder in den USA war, nie allerdings in New York, hatte ich über die Zeit vergessen, wie sehr ich mich einst danach gesehnt hatte, am New Yorker Broadway ein Musical zu sehen.

Neil Patrick Harris und die Tony Awards

Youtube hat mich an diesen Wunsch wieder erinnert. Während die Oscars als Highlight der Filmindustrie in Deutschland übertragen werden, ist das leider mit den ebenso bekannten Tony Awards, dem Äquivalent der Theater- und Musicalbranche in den USA, nicht so. 2012 war aber ein mir wohl bekannter Serienschauspieler Gastgeber der jährlichen Tony Awards: Neil Patrick Harris, den meisten bestens bekannt durch seine Rolle des „Barney“ aus „How I Met Your Mother“.

Wer mich kennt weiß, dass ich ein großer Serienfan bin und mich neben den Inhalten auch viel mit den Charakteren, der Produktion und den Schauspielern an sich beschäftige. Bei meinen Recherchen stolperte ich über die Youtube-Aufzeichnung der Tony Awards 2012 und weil eben jener Mr. Harris den Gastgeber mimte und ich seinen Humor einfach großartig finde, begann ich die Aufzeichnung der Preisverleihung zu schauen.

Zwei „Tonys“ für die New Yorker Zeitungsjungen

Eines der mit gleich zwei Tony Awards ausgezeichneten Musicals ist Disney’s Stück „Newsies“, welches auf dem Aufstand der New Yorker Zeitungsjungen im Jahr 1899 basiert. Newsies ist dabei die Kurzform für die Zeitungsjungen.

Anders als bei der Zeitungszustellung heute, mussten die Jungen den Verlagen in dieser Zeit ein Kontingent an „Papes“ (Zeitungen) zu einem bestimmten Preis abkaufen, um sie dann gegen einen wiederum etwas höheren Preis auf der Straße wiederverkaufen zu können.

Sinkende Auflagen  und ein unfairer Plan

Das Problem im Musical: Packende Schlagzeilen sind das Verkaufsargument und seit drei Wochen berichtet das Blatt von Verleger Joseph Pulitzer, die „New York World“, immer nur über dasselbe: Den großen Trolley-Streik von New York (der geschichtlich gesehen schon 1895 stattgefunden hatte). Langweilig inzwischen also und die Zeitungen verkaufen sich immer schwerer.  Die sinkenden Auflagenzahlen machen auch dem Verleger Pulitzer zu schaffen. Da er aber der Meinung ist, die Newsies müssten sich einfach nur mehr anstrengen, ersinnt er einen unfairen Plan: Er erhöht den Kaufpreis pro hundert Exemplaren für die Newsies, damit diese mehr Zeitungen verkaufen müssen, um dasselbe Geld wie zuvor zu verdienen. In der Folge entwickelt sich um den Hauptcharaker Jack Kelly ein von Wut und Gerechtigkeitsliebe getriebener Aufstand der Zeitungsjungen, der die Gründung einer Gewerkschaft und das Ausrufen eines stadtweiten Streiks beinhaltet. Und das wollte ich unbedingt sehen. Und zwar in New York.

Meine Faszination „Newsies“

Was macht für mich nun die Faszination dieses Musicals aus? Zunächst vielleicht das Offensichtlichste: Es ist das erste Musical, welches ich tatsächlich in New York erlebt habe. Wenige Monate, nachdem ich die Tony Awards gesehen hatte, ging es Richtung Big Apple. Zugegebenermaßen nicht ausschließlich wegen den Newsies, aber zumindest doch ein wenig.

Ein weiterer Teil der Attraktivität lag in der konkreten Geschichte des Musicals. Immerhin eine gewisse Analogie zum Zeitungsgeschehen in der heutigen Zeit. Zwar nicht verbunden mit der Entwicklung eines neuen „News“-Mediums, aber wer die ganzen Diskussionen um den Begriff des „Qualitätsjournalismus“ ein wenig verfolgt, der kann zumindest diejenige Parallele ziehen, dass langweilige Stories oder auch das „althergebrachte“ Chronistendasein von Zeitungen ein ganzer Beutel voller Sargnägel für das Medium sind. Gleich, ob gedruckt oder digital.

Ebenfalls sehr spannend fand ich bei genauerem Hinsehen, den Autor des Buches: Harvey Fierstein. Persönlich erinnerte ich mich vor allem an seine kurze Rolle in „Independence Day“. Er spielte den Sendeleiter, der, nach dem Fund des Countdowns durch den Hauptdarsteller, verkörpert durch Jeff Goldblum, seine Mutter aus dem Studio anruft und sich dagegen entscheidet auch seinen Therapeuten vor dem drohenden Niedergang zu warnen. Dass ein so hervorragender Autor in diesem Nebendarsteller steckt, hätte ich nicht gedacht.

Newsies – Das Musical

newsiesplakatUnd dann? Ja, dann ist da selbstverständlich noch das Musical selbst. Bei den Tony Awards führte die Newsies-Company das Hauptthema „Seize The Day“ auf und eröffnete hier auch schon einen ersten Blick auf das schlichte, gleichsam aber trickreiche und gut durchdachte Bühnenbild. Es besteht im Grunde aus einem Gerüstaufbau mit mehreren Treppen, welches sich verschieden zusammen stellen lässt. Alle Szenen, bis auf jene im Büro des Joseph Pulitzer, spielen sich in irgendeiner Form in einer anders zusammen gestellten Version dieses Gerüstes ab.

Die Musik von Alan Menken – ich finde sie großartig. Insbesondere „Seize The Day“ hat mich von Anfang an überzeugt. Rhythmus und Klangbild des Themas finden sich immer wieder auch in anderen Stücken des Musicals. Die Stücke sind emotional wie musikalisch sehr abwechslungsreich. Kraftvoll wie „Once And For All“ oder „The World Will Know“, liebevoll wie „Something To Believe In“, melancholisch wie der Blick auf „Santa Fe“, euphorisch wie das Hauptthema „Seize The Day“ – es ist im Grunde alles dabei. Eingespielt von einem großartigen Orchester und gesungen von einem jungen, engagierten Ensemble mit einer gelungenen Auswahl wunderbarer Stimmen.

Choreographisch findet sich ein kunstvoller Mix aus Folk-Tänzen, atemberaubenden Ballett-Einlagen und Akrobatik. Eine faszinierende körperliche Leistung aller Darsteller. Besonders genial finde ich die Tänze auf den zerrissenen Zeitungsseiten, die genutzt werden, um möglichst seicht über den Boden rutschen zu können. Einfach toll gemacht.

Die Geschichte des Musicals an sich bietet neben der mitreißenden Geschichte von Ungerechtigkeit, Mut, Niederlage und Sieg, darüber hinaus den persönlichen Konflikt des Jack Kelly, der an seinen Anführerqualitäten zweifelt, eine Liebesgeschichte voller Mißverständnisse und den Kampf einer Frau, die in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts ihr Standing als Journalistin erreichen will. Außerdem portraitiert das Musical in geschickter Weise die Bedeutung und den Einfluss des damals einzigen Massenmediums Zeitung. Ganz besonders schön illustriert wird dies, als die Darsteller voller Ehrfurcht und Leidenschaft davon sprechen, wie schön es doch wäre einmal auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt zu sein – mit Bild! Ein Traum, der sich im Zuge des wachsenden Streiks der Newsies schließlich auch erfüllt und mit großem Jubel und Stolz gefeiert wird.

Fazit

Insgesamt erhält der Zuschauer für sein Ticket zwischen 75 und 200 Dollar ein ganz tolles Stück Musicalkunst mit gleichsam starker gesanglicher wie orchestraler Leistung, viel Bewegung und Action in Form von talentiertem Tanz und Akrobatik in der zwar teilweise renovierten, nicht aber umgestalteten, wunderbaren Atmosphäre des 1921 erbauten Nederlander Theatres in der Nähe des Time Square. Einen absolut erfüllten und zufriedenstellenden Muscialabend also. Übrigens: Im Theater gibt es gut gemixte Cocktails, die während der Vorstellung mit an den Platz genommen werden dürfen. Aber wehe der Blasendruck wächst: Die Schlange an der Toilette reichte in der Pause bis runter ins Erdgeschoss, obwohl die Toilette recht effizient als Kreisverkehr aufgebaut ist.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, aber noch einige Wochen braucht, bis er nach New York fliegen kann, der kann sich auch den Film „Newsies“ aus dem Jahre 1992 ansehen. Batman-Fans kommen dabei bestimmt auch noch einmal auf ihre Kosten, vor allem die weiblichen: Die Hauptrolle Jack Kelly ist durch den damals noch recht jungen Christian Bale besetzt.

Fotos: Martin Wilbers

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