Gen Y – Der Anwalt geheimer Sehnsüchte?

Wahrscheinlich haben wir in der Gen Y-Debatte – wie so häufig – Korrelation und Kausalität verwechselt. Vielleicht haben wir die Mitglieder der Generation Y als Treiber einer Veränderung gesehen, deren Zeit einfach gekommen ist?
– Nico Rose

Ja, wie geil ist das denn?! Es ist nur einer von vielen Sätzen eines neuen LEAD-Blogartikels von Nico Rose. Aber – meine Güte! – wie dieser Satz mich doch zum Nachdenken gebracht hat. Die Attribute, die der Gen Y in Sachen Arbeit nachgesagt werden, dürften ja inzwischen hinlänglich bekannt sein: Work-Life-Balance, Freiheit und Flexibiltät, fehlende Authoritätshörigkeit, Hierarchien sind zunächst mal doof und was soll ich mit einem teuren Auto, wenn ich dafür nicht am Nachmittag Frisbee mit den Kids oder Freunden spielen kann? Die Gen Y drückt also, überspitzt gesagt, alles aus, was eben ausgerechnet nicht in die Arbeitsphilosophie so vieler Unternehmen passt. Denn heute an der Tagesordnung sind ja immer noch Zeit absitzen, als letzter gehen, einen halben Tag Urlaub nachgesagt bekommen, wenn man statt um 20 Uhr auch mal vier los muss und Urlaub? Wer braucht schon Urlaub! Kurz: Die Predigt ist häufig, dass die Arbeit viel wichtiger ist, als alles andere.

Zwischen Eichhörnchen und George Clooney

Aus Sicht dieser Perspektive sind reinrassige Vertreter der Gen Y also quasi Arbeitsverweigerer und low performer. Warum? Na, ist doch klar! Weil Arbeitsleistung in unabdingbar höchster Korrelation mit Arbeitszeit steht. Ich glaube ja, dass viele Menschen sich in ihrem heutigen beruflichen Alltag manchmal wie eine Mischung aus George Clooney in „Up in the Air“ und dem Eichhörnchen auf Red Bull in „Ab durch die Hecke vorkommen“.

Das eigene Wohnzimmer ist einem fremder als das Büro oder ein Hotelzimmer, wer ist die komische Frau da in meiner Wohnung und warum bringt sie ihre Kinder mit und immer muss man weiter, höher, schneller, besser und das alles vor allem als andere.

Die tiefe Sehnsucht aller

Die tiefe Sehnsucht, die man in das Zitat von Nico Rose hinein interpretieren könnte, ist diejenige nach mehr Freiheit, weniger Überstunden, mehr Zeit für die Dinge, die neben der Arbeit auch wichtig sind. Die Sehnsucht danach, nicht schief angeschaut zu werden, wenn man mal früher geht. Der sehnliche Wunsch nicht nach acht Stunden Arbeit vor dem Computer sitzen bleiben zu müssen und Zeit abzusitzen, weil es sich nicht schickt vor acht das Büro zu verlassen. Und diese Sehnsucht wäre dann eine, die eben nicht zwingend alleine der Gen Y zugrunde liegt, sondern ebenfalls auch vielen Menschen der vorausgegangenen Generation X. Wir sind also nicht allein! Insgeheim, so könnte man vermuten, freut sich die Gen X einen Ast, dass es die Menschen der Gen Y gibt, die profunde Veränderungen in den Unternehmen auslösen werden. Denn diese Veränderungen kommen letztlich immer allen zu Gute. Nur das die Gen X gelernt hat, sich eben nicht über feste Strukturen hinweg zu setzen, eben nicht aufzubegehren und an den solide gemauerten Grundfesten der Arbeitswelt zu rütteln. Sie sehnen sich schon lange nach einem Zustand, den die Gen Y schon beim Eintritt in die Arbeitswelt propagiert und verlangt. Und nicht zuletzt deshalb ist gerade auch für Mitglieder der älteren Generation die Welt der Startups so faszinierend, die andernorts schon wieder auf die Schippe genommen wird.

Die Advocard der Gen X

Die Gen Y wird damit zum Anwalt aller, die die jahrzehntelang gewachsenen Strukturen, die nie gelernt haben sich an die Zeichen der Zeit anzupassen, durchbrechen möchten, sich selbst dazu aber nie in der Lage sahen. Damit ist es nicht allein der Wunsch einer einzigen, jüngeren und nachrückenden Generation von Arbeitskräften, die Bedeutungsverhältnisse in Arbeit- und Privatleben genauso zu verschieben, wie tradierte Organisationsformen von Arbeit. Es ist vielmehr ein Zeitgeist, der schon lange schwelte, den sich auch viele ältere Arbeitnehmer wünschen, weil diese Veränderung einfach notwendig geworden ist, um letztlich eben tatsächlich auch leben zu können.

Von Drehzahl und Laufzeit

Der Witz an der Sache ist, so empfinde ich es jedenfalls häufig: Wir haben so unglaubliche technologische Fortschritte gemacht, die die Arbeitseffizienz nach oben schleuderten und schleudern und zudem immer stärker dafür sorgen, dass es immer mehr Kopfarbeiter gibt. Für die Unternehmen ist das total dufte. In acht Stunden kann der Arbeitnehmer heute leisten, wofür er früher vielleicht fünfzehn Stunden und mehr brauchte. Es ist aber auch ein Punkt, dass immer mehr Menschen unter psychischen Erschöpfungssyndromen leiden. Weil sich nicht im selben Maße das Verständnis entwickelt hat, dass Arbeistzeit nicht gleich Leistung ist.

Die Drehzahl also ist hoch und wird immer höher. Ist es da ein Wunder, dass die Motorenlaufzeit kürzer wird? Man kann sich schon die Frage stellen, warum in Zeiten des laut proklamierten Fachkräftemangels wenig dafür getan wird, das Potential der Menschen nicht zu früh zu verbrennen. Ich glaube, es lohnt sich Grenzen zu ziehen. Ich glaube, es lohnt sich, vor der Veränderung, die die Gen Y zu verkörpern sucht, keine Angst zu haben. Viel mehr ist es lohnenswert, dem Plädoyer des Anwalts aufmerksames Gehör zu schenken. Denn es ist auch ein Plädoyer für mehr Zufriedenheit, mehr Innovation, paradoxerweise mehr Einsatzbereitschaft und dem Streben nach gemeinsamem Erfolg. Zu dumm, dass die Statements meiner Generation immer noch oft genug als Schwäche empfunden werden.

Bild: Tim Reckmann  / pixelio.de

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